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GiacomoPuccini

TURANDOT

    

Theater Hof - Großes Haus // 2014/15

Musikalische Leitung: MD Arn Goerke

Inszenierung: Lothar Krause

Bühne und Kostüme: Annette Mahlendorf

    

mit Barbara Dobrzanska/ Iordanka Derilova (Turandot), Inga Lisa Lehr (Líu), Tomasz Kuk (Calaf), Jens Waldig (Timur), Karsten Jesgarz (Altoum), Birger Radde (Mandarin & Ping), Stephan Boving (Pang), Mathias Frey (Pong), Opernchor des Theaters Hof & Hofer Symphoniker

 

Liebe oder Macht?

Ein Gespräch des Regisseurs Lothar Krause mit dem Musikdramaturgen Guido Hackhausen (Beitrag aus dem Programmheft zur Neuinszenierung am Theater Hof 2014/15)

GH: Puccinis "Turandot" ist ja gewissermaßen der unvollendete Abgesang auf die italienische Oper des 19.Jahrhunderts. Bis heute lässt sich trefflich darüber streiten, wie das Werk enden soll: Es gibt zwei Schlussvorschläge von Franco Alfano, ein Ende komponiert von Lucio Berio und schließlich noch die Möglichkeit, den Schluss offen zu lassen und mit dem Tod Liùs und den letzten Tönen Puccinis zu enden. Was reizt den Regisseur an diesem Fragment?

LK: Unvollendete Werke üben immer eine besondere Faszination auf uns aus, insbesondere wie in Puccinis Fall, wenn der Tod zum Ende der Arbeit an der Komposition führte, da hier ein Schleier von Trauer das Fragment umgibt und immer wieder die Frage aufwirft: "Wie würde sich das Werk zeigen, wenn der Komponist es vollendet hätte?" "Poi tristano" ["danach Tristan"] schrieb Puccini über das große Schlussduett, welches er nicht beenden konnte - er veranlasste unzählige Änderungen am Libretto und hinterließ nur 23 Skizzenblätter. Die Schlussszene wurde für ihn eine unlösbare Aufgabe, bevor er starb; daher wirkt das Werk immer etwas unausgewogen und unschlüssig auf uns. Er gibt das Problem an den Regisseur weiter und damit auch die Möglichkeit, ein eigenes Schlussszenario zu entwerfen. Ich glaube nicht an die ehrliche Zuneigung Calafs, sondern an seinen Willen, über Turandot zu herrschen. Daher kam für mich die lange, sehr opulente erste Fassung Alfanos - der oft fälschlicherweise als Schüler Puccinis bezeichnet wird - nie in Frage. Das Schlussduett war bereits in den Entwürfen Puccinis eine zentrale Szene. Allerdings sind die Charaktere der Turandot und des Calaf an diesem Punkt nicht vollständig gezeichnet und lassen somit relativ viel Spielraum für Interpretation bei der Erarbeitung der beiden Figuren.

 GH: Im Zentrum des Stückes steht natürlich die Titelheldin - Puccini wollte hier eine starke Frau, keine, wie er sagt, "kleine Frau, umgeben von großen Männern", was nicht nur physisch gemeint sein dürfte. Wie stark ist deine Turandot - wird sie am Ende bezwungen?

LK: Turandot ist eine moderne Frau, die ihren Weg in einer von Männern beherrschten Welt sucht - sie verkörpert den Versuch der Emanzipation, die Begründung eines Freiheitsbedürfnisses. Oft wird Turandots Arie "In questa reggia" als große Ansprache an das Volk interpretiert - die Titelheldin mit "Weihnachtsbaum" auf dem Kopf, auf einer Treppe stehend. Für mich ist dieser Moment jedoch ein sehr intimer - hier wird sehr deutlich, dass ihr Charakter durch die Angst deformiert wird und sie aus dieser Angst heraus die Schmerzen, die dem weiblichen Geschlecht über Jahrhunderte zugefügt wurden - die Schmerzen aller Frauen - rächen will. Sie lässt eine gequälte und getriebene Seele erkennen, ihre Grausamkeit ist das Ergebnis eines psychischen Defekts. Aus meiner Sicht wirkt sie weniger kalt, herablassend und unkommunikativ als in der Klischeevorstellung, in welcher sie oft gezeigt wird. Im Grunde genommen zeigt sich ihre Stärke als Schutz vor der eigenen Verletzung - dieses Schmerzmotiv lässt sie Liù viel näher kommen als man auf den ersten Blick vermuten würde. Daher deutet der Tod Liùs für mich auch mehr auf den Beginn der Wandlung hin als der mythische Kuss der Erlösung. Turandot hat öffentlich der Liebe abgeschworen, denn die Hingabe an einen Mann ist für sie Demütigung - sie lehnt die Frauenrolle einer Ehesklavin ab. Dieser Umstand bildet in unserem Konzept einen Schwerpunkt: sie wird gleich mehrfach gedemütigt: erstens durch Calafs Gegenrätsel, zweitens dadurch, dass sie den Namen Calafs aus dessen Mund erfahren muss und drittens durch den Umstand, dass Calaf sie nicht wirklich liebt, sondern ein machtgewinnendes und sexuelles Interesse an ihr hat. Die vermeintliche belle dame sans merci entwickelt sich zur femme fragile, in ihr setzt die Leere ein und sie wird gezwungen, ihren Mythos aufzugeben - sie erscheint erlöst und menschlich. Nach Außen hat sie zweilsohne verloren, im Inneren jedoch gesiegt, nämlich über sich selbst.

 GH: Und Calaf? Ein strahlender Tenor-Held?

LK:  Die erste Frage, mit welcher mich die Calaf-Figur konfrontierte, war jene, warum er mit dem Rätselspiel dieses enorme Lebensrisiko eingeht, denn hier wird das Leben zum Einsatz im Spiel. Nur die reine Faszination für Turandot, welche die öffentliche Wirkung eines Stars hat, reicht da nicht! Viel mehr wird er durch sein großes Herrschaftsinteresse getrieben: Er versucht über die Verbindung mit Turandot zu Macht und Anerkennung zu gelangen; also ist nicht Zuneigung sein Motiv, sondern der Wille zu herrschen. Calaf hätte natürlich auch die Option, die Liebe Liùs anzunehmen, jedoch widerspricht genau dies seinem Herrschaftsinteresse, denn Liù ist nur eine einfach Sklavin. Sein Charakter zeichnet sich durch eisernen Willen, große Selbstsicherheit, Arroganz und Überheblichkeit (die Gewissheit, dass sein Name unbekannt bleiben wird) aus. Für Macht ist er bereit, über Leichen zu gehen, denn weder sein Vater Timur noch Liù werden durch das Nennen des Namens vor dem drohenden Tod geschützt. Für mich hat er keinerlei sympathische Züge, sondern ist vielmehr ein durch den Krieg verrohter Soldat...

GH: ... der "verrohte Soldat" wiederum scheint ja durchaus ein Gesellschaftsmerkmal der Entstehungszeit des Werkes zu sein: Puccinis "Turandot" entstand in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, seine Uraufführung 1926 fällt in die Zeit des Aufstiegs des Fascismo in Italien. Die Völker in Europa wurden in dieser Zeit zusehends anfälliger für antidemokratische und menschverachtende Massenbewegungen. Spiegelt sich in Puccinis "Turandot" auch die Brutalität seiner Entstehungsgegenwart, die zunehmende Selbstentmündigung des Volkes wider?

LK: Ganz klar ja! "Turandot" ist viel weniger Chinoiserie als man denkt. Sie ist eine Stellungnahme zu historischen Realität der Entstehungszeit: Das Ende des Ersten Weltkrieges, der "Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts" in Europa, der Aufstieg Mussolinis und die Konstituierung des Fascismo in Italien, sowie der Zerfall des chinesischen Kaiserreiches in Asien zeichnen den Beginn einer Umbruchzeit. Dieser Umbruch in geistiger, moralischer und politischer Hinsicht findet sich in der symbolischen Struktur der Oper wieder: Die absolute Kälte, die nach Menschenopfern gierende Masse, die Unerbittlichkeit des politischen Systems, die Terrormaschine, kein Erbarmen, keine Menschlichkeit, Fremdenhass... Wir sehen ein Volk, welches schwach ist und keinen festen Halt mehr hat (es schwankt, politisch wie moralisch) und sich komplett einem autoritären Regime unterwirft, sich hinter Turandot stellt und die Morde legitimiert - eine dressierte fanatische Masse, welche letztendlich zur Hetzmeute wird, wie man sie aus diktatorischen Systemen kennt. Die öffentliche Meinung wird von den oberen Instanzen (Mandarin, Minister, Kaiser, Turandot) gelenkt und vom Volk nicht weiter hinterfragt. So verliert es die Möglichkeit, selbstbestimmt zu wirken - Brutalität, Sadismus und Selbstjustiz stellen für die Masse die einzige Möglichkeit zur Freiheit und Selbstbestimmung dar. Der öffentliche Mord (zu Beginn des Werkes wurden immerhin 25 Prinzen hingerichtet) wird als Entertainment für das Volk eingesetzt, um es bei Laune zu halten. Dieses schwankende politische System lässt natürlich die Chance auf Erfolg bei den Machtsuchenden anwachsen, was wir versuchen in den Figuren Calaf und Ping zu zeichnen. Insgesamt aber ist "Turandot" ein hochpolitisches Werk, und gerade Puccini zeichnet mit seiner Musik zwar einerseits bestechend authentisches, chinesisches Kolorit, wird jedoch andererseits auch zum konkreten Illustrator seiner Gegenwart - der Gegenwart der europäischen Zwischenkriegszeit, in welcher sich die menschenverachtende Ideologie des Faschismus zunehmend ausbreiten konnte und den Kontinent schließlich in die Barbarei des Zweiten Weltkriegs und in den Holocaust riss. Und hier wird der "Abgesang auf die italienische Oper" zu einer hochaktuellen Stellungnahme, zu einem zeitlich wie geographisch gar nicht so entfernte Teil unserer Geschichte.